Aufgeregt sprang er herum. „Wir sind da, wir sind da!“ „Beruhig’ dich! Das hält ja keiner aus!“ Er hörte nicht. „Wir sind endlich daaaaaahaaaaaa! Juhu! Wanayseac, du Land meiner Träume, ich bin da!“ Eine Hand verpasste ihm einen Schlag auf den Hinterkopf. „Au! Das hat wehgetan!“, jammerte er herum, hüpfte aber dennoch fröhlich weiter. „Das sollte es auch. Und nun hör auf mit dem Herumspringen! Wir sind noch nicht am Ziel ...“ „Du bist wirklich ein Spielverderber, Nathan!“ „Ich weiß, Neriav, ich weiß ... Jetzt komm, überschreiten wir die Grenze ... Die Zeit drängt!“ Neriav stand plötzlich ganz still. Beunruhigt sah er Nathan an und flüsterte: „ Was ist, wenn Wanayseac auch durch eine Grenzbarriere geschützt ist ...? Wie in unserer alten Heimat? Wir wurden gebannt, Nathan, weißt du nicht mehr? Was passiert, wenn Wanayseac auch durch eine Barriere geschützt ist?“ Nathan seufzte. „Dann, “ meinte er leise und legte seinem Freund und Magiebruder eine warme Hand auf die Schulter, „werden wir wohl verbrennen, oder sonst eines grausamen Todes sterben ... Hoffen wir einfach, dass hier keine Magiebarriere ist. Folgst du mir?“ Neriav nickte.
Nathan ging erhobenen Hauptes auf die riesige Pforte zu. Der einzige Weg nach Wanayseac. Auch wenn es so aussah, als ob die hohe lange Mauer ihre Bewohner einsperren und eingrenzen würde, war es nicht so. Diese Mauern schützten nur. Vor der Wirklichkeit. Ein jeder durfte in Wanayseac Schutz suchen. Ob Flüchtling, Freier oder sonst wer, alle durften sie kommen. Wenn sie nichts Böses im Sinn hatten. Der Drachenlord herrschte über Wanayseac, er war ein weiser, freundlicher und bekannter Unbekannter. Man wusste kaum etwas über ihn. Außer vielleicht, dass er seinen Freunden treu und untergeben zur Seite stand und er eine Vorliebe für Drachen hatte. Solcherart von Sachen erzählte man sich ehrfürchtig in der „richtigen“ Welt. Alle flüsterten sie seinen Namen und den Namen des Reiches mit Achtung und Sehnsucht.
Nathan blieb stehen. Er dreht sich zu Neriav um, der noch immer nicht kam. „Kommst du?“ Doch Neriav deutete nur zitternd auf etwas, was sich vor Nathan befand. „Was ...?“ Nathan schaute Neriav neugierig an. „Willkommen, Fremde! Was wollt ihr in meinem Reich?!“ Nathan drehte sich blitzschnell um. Neriav stolperte eilig herbei und deckte seinen Freund. Vor ihnen stand er. Er, der Herrscher Wanayseacs, der Drachenlord. Der Drachenlord zeigte mit seinem schweren Stab auf sie, die Augen des Drachen auf der Oberseite funkelten sie belustigt an. Ein großes, majestätisches Schwert baumelte an seiner Seite. Der Drachenlord schlug den Umhang zur Seite und entblößte seine freie Hand. Freundlich streckte er sie den beiden Fremden entgegen. „Na? Hat es euch die Sprache verschlagen?“ Nathan fiel auf ein Knie. „Verzeiht, Herr“, stammelte er, „Es ... es ist nur ... Eure Gestalt ... Ich kenne Euch nur aus Geschichten ... und wusste nie wirklich ob sie wahr waren ...“ Er fasste sich und ergriff die ihm dargebotene Hand im Kriegergruß. „Ich bin Nathan, ehemaliger Meister der dunklen Magie. Und dies“, er deutete vielsagend auf seinen Freund, „ist mein Schüler, Bruder und Freund Neriav. Reich ihm deine Hand, Neriav! Entschuldigt, Herr, seine Manieren lassen einiges zu wünschen übrig ...“ Der Drachenlord lachte. Ein donnerndes freundliches Lachen. „Ich grüße dich, kleiner Neriav, Schüler des Meisters Nathan! Meine Freunde, nun sagt mir, was führt euch hierher?“ Eine tiefe Traurigkeit überkam Nathan. Abwesend blickte er zurück, auf seine alte Heimat die er zurücklassen musste. Es ist nicht schön verbannt zu werden. Vor allem, wenn man unschuldig ist. Er war einst mächtiger Magier am Hofe eines großen Königs, der einzige Schwarze Magier, der geduldet wurde. Dann starb der König. Nathan hatte bedauernswerter Weise viele Neider und Feinde ... Und so wurde er aus dem Imperium der Menschen verbannt. Schmerz schimmerte in seinen Augen, als er sich wieder dem Lord zuwandte. „Herr ... die Geschichte ist sehr lang und ermüdend ... Genauso wie es diese Reise war ... Ich schwöre Euch, dass ich nichts Böses im Sinn habe, dass ich nie etwas Falsches getan habe außer schwarze Magie zu erlernen und zu lehren ... Ich flehe Euch an, lasst mich Schutz in Wanayseac suchen. Ich werde Euch treu zur Seite stehen, genauso wie mein Schüler Neriav.“ Er kniete sich nieder. Neriav tat es ihm nach. Der Drachenlord sah auf sie hinab. Er war zutiefst gerührt. Keine Frage, er würde ihnen Schutz gewähren. Für einen kurzen Moment konnten die beiden ein Lächeln ausmachen, bis die Kapuze das Gesicht wieder komplett verhüllte. „Ohhh, meine Freunde! Ihr habt meinen Segen und meinen Schutz. Fortan soll Wanayseac euch eine Heimat sein. Ich habe etwas Besonderes mit euch beiden vor ... Aber, kommt erst mal ...“ Er breitete die Arme aus und machte eine einladende Handbewegung. Nathan zögerte. „Drachenlord, Euer Reich ist doch auch durch eine magische Barriere geschützt ... Werden wir nicht ... verbrennen?“ Der Lord schüttelte den Kopf. „Nein, denn mein Reich hat keinerlei Verbindung zu den anderen Ländern außerhalb. Ihr könnt ruhig eintreten. Glaubt mir.“ Sie nickten.
Die beiden Magier traten erhobenen Hauptes und zitternden Händen durch die Pforte, auf der sich riesige Drachenreliefs ausbreiteten. Von ganz oben, dem Pfortenbogen reckte sich ein Drachenkopf herab, seine Augen waren blutrote Rubine, die Fangzähne aus schimmernden Elfenbein, die Hörner, denen eines Steinbockes gleich, aus weißem Marmor, die einzelnen Hautschuppen aus puren Goldplättchen. Die Flügel des Drachen reichten meterhoch in die Luft, die Arme und Beine klammerten sich an den Seiten der riesigen Pforte. Der Schwanz umschlang die rechte Säulenhälfte. Der Drachenlord schritt ihnen voran, im Vorbeigehen winkte er der Statue zu. Sie schien für einen Augenblick zu blinzeln und ihn anzulächeln, doch nach einem entgeisterten Kopfschütteln war dieses Hirngespinst vertrieben.
Mit großen Augen und offenem Mund starrte Neriav auf das weitreichende Reich vor ihnen. Der Anblick war atemberaubend. Grüne Wiesen, mächtige Wälder ... Hohe Gebirge zeichneten sich neben der strahlenden Sonne am Horizont ab, Vögel und andere Wesen der Lüfte tummelten sich in schwindelerregenden Höhen. „Willkommen in Wanayseac, meine Freunde!“, rief der Drachenlord voller Stolz und Verbundenheit. „Für heute sollt ihr beiden Gäste in meinem Schloss sein, ab morgen werdet ihr die neuen Bewohner ... meiner neuen Stadt ...“ Nathan runzelte die Stirn. „Eure neue Stadt?“, fragte er neugierig. Der Lord lachte nur. „Ihr werdet sie sehen, sobald die Zeit reif ist.“ Mit diesen Worten machten sie sich auf den Weg zum Schloss des Drachenlords.
Sie standen auf einem kargen Platz, ein Brunnen zierte die Mitte. Außer diesem und einem leeren Sockel gab es hier nichts. Der Drachenlord stand vor diesem Sockel, auf dem normalerweise Statuen stehen sollten. „Dies ist Mensnoctis, meine neue Menschenstadt!“ „Eure neue Stadt? Hier ist doch nichts ...“, erwiderte Neriav verwirrt. „Ohh, noch ist hier nichts, aber das wird sich bald ändern! Und das Beste daran ... Ihr werdet dafür sorgen! Denn ihr beide seid fortan die Oberhäupter dieses Platzes! Also macht etwas aus diesem Platz! Hier wird einmal eine große mächtige Stadt stehen!“ Neriav und Nathan stutzten. „Seid Ihr Euch sicher? Eine mächtige Stadt? Mit uns als Oberhäuptern?“ „Natürlich! Seht her! Damit ihr wisst, dass ich es Ernst meine!“ Er richtete seinen Stab auf die leere Plattform und murmelte ein paar Worte. Schatten erhoben sich aus dem Sockel, gierig stießen sie höher wie Stichflammen. Bald war nichts mehr zu sehen, außer dieser Schwärze. Der Lord hauchte sie sacht an, augenblicklich zerstob der Schatten in Tausende von kleinen glitzernden Splittern. Was zurückblieb war ... unglaublich. Neriav und Nathan starrten sich selbst in die Augen. Ihre Marmorebenbilder standen in einer ehrfurchtgebietenden Haltung auf dem Plateau, die Häupter hoch erhoben, die Körper in majestätischen Posen erstarrt. Und was sie trugen ... Lange schimmernde Gewänder, Schuppengürtel an denen Phiolen, Zauberbücher und andere wichtige Utensilien baumelten, in den Händen ihre eigenen besonderen Waffen. Neriav trug einen langen Speer, der ihn überragte, verziert mit magischen Zeichen und aus feinstem Material. Nathan hielt ein Schwert, aus dem Griff ragten zwei parallele dünne Klingen. Soviel Macht strömte von den Marmorgebilden, selbst der Drachenlord trat einen Schritt zurück. „Ihr seid die Gründerväter Mensnoctis, ihr werdet die Oberhäupter dieser Stadt sein und dafür sorgen, dass sie wächst, gedeiht und nicht zu Grunde geht!“
Neriav und Nathan sahen sich gerührt an. Sie mussten ihre alte Heimat verlassen, verhasst und gejagt, und nun waren sie hier, als Gründerväter und zukünftige Oberhäupter dieser Stadt. Sie blickten an sich herab. Sie trugen noch ihre alten zerfetzten Roben, besudelt durch Schmutz und Blut. Der Lord bemerkte ihre sehnsüchtigen Blicke und zeigte mit einem Finger auf ihre Kleider. Ein stetiger Strom von Magie, der blau und schwarz leuchtete, floss auf sie beide zu. Sie wurden erfüllt von der Magie, empor gehoben, liebkost ... Beide schlossen sie die Augen, die wohltuende Wärme in sich aufnehmend. Abrupt ließ die Magie sie los. Sanft glitten sie zu Boden. Sie bewunderten sich gegenseitig. Dann verglichen sie sich mit den Statuen. Sie sahen definitiv gleich aus. Neriav’s Augen füllten sich mit Freudentränen, den neuen Speer hielt er stolz in der Hand. Nathan zückte seine Dualklingen und lächelte. „Ihr seid zu gütig, weiser Drachenlord. Wir werden diesen Platz zum Keimen bringen, damit er zu einer Stadt gedeiht! Doch woher kommen die Einwohner?“
Der Drachenlord verbeugte sich leicht. „Es erfreut mich zu hören, dass ihr meinem Wunsch nachkommt. Über Einwohner macht euch keine Sorgen, euch fällt sicher etwas ein. Immerhin wart ihr auch mal Flüchtlinge ...“ Er machte eine Pause, Neriav und Nathan sahen sich erschrocken an. Der Lord verfügte über unglaubliche Kräfte ... Woher wusste er, dass sie Flüchtlinge waren? „Es werden schon genügend Menschen kommen um sich hier niederzulassen. Beschützt sie, sowie ich euch beschütze.“ Die Magier nickten. „Ich denke, ich weiß woher wir die Bewohner beziehen...“, meinte Neriav nachdenklich. Der Drachenlord tätschelte seine Schulter. „Gut, dann werde ich euch nicht länger stören. Ruft mich, wenn ihr Hilfe braucht!“ „Werden wir, werden wir“, sagte Nathan und wandte sich um. Der Drachenlord verschwand urplötzlich. „Wo ist er hin?“, fragte Neriav. „Oh, er hat bestimmt noch anderes zu tun, immerhin ist sein Reich sehr groß! Nun komm, wir kümmern uns nun um die Stadt.“ Und damit wandten sie sich ihrem neuem Lebensabschnitt, ihrer neuen Lebensaufgabe zu: Mensnoctis.
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